2009-10 Alice-D in Wonderland

Alice-D in Wonderland

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Alice-D in Wonderland
Über „Alice in Wonderland“

„Alice in Wonderland“ ist der Titel zu meinem Projekt, das zwei Serien von Zeichnungen, „playing cards“ und „landscapes“, sowie Fashiondesign-Entwürfe unter dem Titel „A-line“, beinhaltet.

Im April 2009 begann ich mit der Arbeit.
Gestartet im Frühling in Peking (VRC), führte mich meine, Alice´s, Reise, im Sommer über Düsseldorf, von dort im Herbst für ein halbes Jahr nach Perth (WA), dann wieder nach Peking, um im Anschluss daran wieder “at home?”, in Europa, zu landen…
Über die ganze Zeit hinweg legte ich eine umfangreiche Materialsammlung an: fotografische und schriftliche Aufzeichnungen und “found objects” (v.a. Spielkarten), dienen mir bis heute als Fundus für die bildnerische Tätigkeit. Wie im Vorjahr, in „My daily Beijing diary“, teilt sich die Arbeit erneut ein in die drei Aspekte: geschriebener Text, Photoarchiv und Zeichnungen mit Tusche und Kugelschreiber auf Reispapier.

Die zwei zeichnerische Serien entwickeln sich dabei als parallele Stränge. Sie kristallisieren sich als Essenzen aus der stets wachsenden Sammlung heraus und basieren auf meiner privaten biographischen Erzählung und meinen Erfahrungen als Künstlerin, die sich in so unterschiedlichen Kulturen bewegt. Weiter gefasst dreht sich die Geschichte vor allem um „das Hier und das Anderswo“, wobei das „Anderswo“ immer eine Frage der Perspektive bleibt.

“playing cards”
„Alice in Wonderland“ von Lewis Carroll war die Lektüre, die ich auf meiner ersten Reise nach China (2008) im Gepäck hatte: der lange Traum, das ferne Land, das vermeintlich „Andere“, das mich zum Staunen bringt, wundern und fragen lässt.

Die Idee, eine Serie von Poker Spielkarten zu zeichnen, hatte ich bereits bei jenem ersten Aufenthalt. Sie war während der Zeit, in der ich mich anschließend wieder in Deutschland befand, immer greifbarer geworden.
Das Kartenthema nimmt direkten Bezug zur „Alice“-Story, wo die königlichen Soldaten als Spielkarten dargestellt werden.
Spielkarten gehören aber auch zum alltäglichen Bild chinesischer Realität. Man findet sie in der ganzen Stadt am Boden verstreut: vom „Zocken“ liegengebliebene Karten… Sie sind für mich seither nicht mehr nur allgemeingültiges Symbol für Liebe, Hoffnung, Schicksal, sondern sie sind in China auch zum ganz bestimmten Sinnbild für geselliges Zusammensein und zum Beleg für eine gut funktionierende soziale Gemeinschaft geworden. Eine Tatsache, deren Existenz wir Europäer eher zu negieren tendieren, wenn wir an China und Chinesen denken.

“…und dann hob ich die „Herz 9“ aus dem Staub auf und dachte bei mir: das sind also
die Soldaten der Königin aus dem Wunderland und ich, Alice, werde sie einfangen!”

Rein formal gesehen, eröffnet mir das Motiv der Karte eine weite Bandbreite an möglichen Variationen im Spiel mit der Wiederholung von wohlbekannten Mustern und Ornamenten; ein Spiel das für (alle) meine Arbeiten charakteristisch ist. Zudem bietet es den Vorteil einer reduzierten Farbpalette: Schwarz, Rot, Gold, Weiß und manchmal Blau oder Grün.

Das Kartenspiel kann ich vollziehen, ohne an Raum und Zeit gebunden zu sein.

“landscape drawings”
Die zweite Serie zeigt Alice´s Welt.
Sie spiegelt „ihr Wunderland“ wider, das sie stets zu erforschen sucht…
In der Landschaftszeichnung wird die Umgebung beschrieben, durch die Alice läuft, der Ort be-, und gezeichnet, an dem sie sich befindet und durch den sie sich bewegt. Die Umgebung wird mit der (Auf)zeichnung „abgetastet“ und eingefangen. In Peking spielen z.B. die Lichter der Nacht eine wichtige Rolle. „BJ lights“, wenn das Dunkel den Staub verschluckt und die Stadt zu leuchten beginnt…

Bestimmte Aspekte meiner Wahrnehmung, meiner Realität oder meiner Erinnerung konzentrieren sich sichtbar. Immer „zoome“ ich ähnliche, repetitive Teile, wie z.B. die Lichter, Stimmungen, Spiegelungen etc. heraus, ganz so, als könne „die Szene“ letztendlich überall spielen: in Europa, China, Australien oder (n)irgendwo auf der Welt. Die Szenen sind dabei gleich leer, schön oder traurig, denn ich glaube, dass “wir”, um in Bildern zu sprechen, immer in einem Sonnenuntergang versinken oder gebannt auf einen Vollmond starren werden. Insofern gilt meine Faszination zum einen „der Romantik“, dem Forschen nach einem „universellen Gefühl“, und führt mich dennoch weiter, zum Wissen um Humanitas, die uns eint.

In der Farbigkeit, Struktur und Textur einiger Zeichnungen habe ich mich an Textilmustern orientiert, die mir von der Firma „Finett“ zur Verfügung gestellt wurden. Jene fabrikfertigen „carpet samples“ dienten mir als Inspirationsquelle, da sie mich stark an „landscape overviews“ / Luftaufnahmen von Landschaften aus dem Flugzeug erinnerten. Aufnahmen, wie z.B. jenen, des Australischen Fotographen „Richard Woldendorp“.
Letztendlich versuche ich diese rein fiktiven, abstrakten Landschaften mit meiner Erinnerung „real gesehener Orte“ zu koppeln, um so einen größeren Allgemeinheitsgrad zu erzeugen.

Zum Verhältnis von Text, Fotografie und Zeichnung:
Beide bildnerischen Serien werden begleitet durch dokumentarische Fotografien und meine täglich aufgeschriebenen Reflexionen.

Text ist, als weitere Ausdrucksform, zum integralen Bestandteil meiner Arbeit geworden.
Das Wort rückt die Zeichnung in einen definierteren Kontext, indem es nicht didaktisch, sondern vielmehr methodisch den Fächer meiner Inspiration eröffnet und meine Erfahrungen lesbar macht. Ebenso gewährt es Einblicke in die Geschehnisse und Gefühle in deren Folge; es beschreibt verflochtene layer, sich wiederholende Sequenzen, Teile ein und des selben Puzzels, (m)einer Biographie, die in der Narration verschmolzen werden.

Zunehmend gewinnt das Wort an Gewicht. Zum einen, weil sich die Sprache als „aufzeichnerisches“ Medium an sich verselbständigt, zum anderen, weil sie direkten Einzug in die bildnerische Form hält – wenn, beispielsweise Handschrift zum Duktus wird.

Erneut dient mir das Mittel der Fotografie dazu, meine Eindrücke zu archivieren, einerseits als Medium zum Einfangen punktueller Wahrnehmung, andererseits als formale Grundlage der zeichnerischen Arbeit. Die Fotografie bildet eine Art Bindeglied zwischen Text und Zeichnung. Hier entstehen Beziehungen zur „Wirklichkeit“ und Verweise auf das real Erlebte.

Zentral bleibt jedoch die zeichnerische Arbeit: mit feinen Strichen, teils Kugelschreiber, teils Tusche auf Papier, generiere ich Flächen; dann, indem ich Lasur über Lasur lege, ebenso Dichte. Im Ergebnis nähert sich das Bild vermeintlich der Malerei an. Eher figurative Realismen aus meiner persönlichen Erinnerung holen „den ganz bestimmten Moment“ wieder zurück, wohingegen der Strichduktus die „lange Zeit“ anzeigt. So wird die Vielschichtigkeit gedachter und erlebter Zeit thematisiert.

Das Forschen nach dem „Ornament“, sowie meine Zeichentechnik, “das Stricheln”, die stetige Aneinanderreihung von gleichlangen, gleichtiefen Strichen auf einem Blatt zu einer Fläche, gaben den Ausschlag für meine erste Reise nach China. In der Tat liegen jener Form der rituellen, teils meditativen Wiederholung in der Kunst, archaische Elemente und mentale Energien zu Grunde. Sie beinhaltet Aspekte des Repetitiven, des Unterbewussten und Spirituellen, die in der Chinesischen Kultur eine völlig natürliche Akzeptanz genießen – anders, als in Europäischem Kontext.