2016 New Traditions

New Traditions

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Statement Alice Dittmar_Gruppenausstellung ‘New Traditions’ im Rahmen 4. Chinesisches Kulturfestivals Berlin, 2015

Meine Arbeit hat nichts mit traditioneller chinesischer Tuschmalerei zu tun.
Weder habe ich diese erlernt noch versuche ich sie zu imitieren.

Wichtig für meine Zeichnungen sind vielmehr drei konzeptuelle Aspekte oder Interessen:
1. die Transkulturalität, d.h. mich beschäftigt die Frage: Was passiert in dem Zwischenraum (Trashold oder nach H.K. Bhaba Third Space), in dem unterschiedliche kulturelle Elemente sich überlappen/verbinden/mischen und ggf. etwas Neues entstehen lassen?

2. die Materialität/Texturality: chinesisches Papier als Cultural Carrier.
Der materialimmanenten Logik jenes Trägers folgend/auf ihn hörend, und im Zusammenspiel mit Tusche und flächigem Kugelschreiberduktus, entstehen meine Zeichnungen als atmosphärische Flächen – als haptisch wahrnehmbare Landschaften, die zugleich an gesehene erinnern. Den Arbeiten liegt ein repetitives und gleichzeitig holistisches System zugrunde, in dem sich Elemente gegenseitig bedingen und auf größere Kontexte hinweisen, z.B. verläuft Tusche auf Reispapier in Fraktalstrukturen, die sich ebenso im Mikro-, wie Makrokosmos der Natur verfolgen lassen. In solch malerisch-zeichnerischen Kosmen reflektiert/spiegelt sich, inhaltlich wie formal, eine Auffassung von Welt, die den philosophisch-ästhetischen Prinzipien der chinesischen v.a. daoistischen (Malerei-)Tradition entspricht. In diesem Sinne kann ich mich mit New Traditions identifizieren.

Und schließlich
3. mein Verständnis von Landschaft: als A) Metapher für ‘Ornament’/repetitive Struktur und B) Spezifische Umgebung/Feld/Kontext, inkl. sozio-politischer, kultureller Stofflichkeit/Fabrics.

Meine Zeichnungen, Zeichenobjekte und Rauminterventionen entstehen kontextbezogen: sie funktionieren als Einzelwerke, sind jedoch auch immer Teile von Serien und als solche oft in ein Konvolut von Foto- und Textarchiven, zu einem spezifischen (Um)feld und/oder Thema, eingebettet. Ich gehe davon aus, dass Arbeiten, aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, und in einen neuen (institutionellen/kulturellen/glokalen* etc.) installiert/transferiert, ihre Bedeutung verändern können. Sie öffnen sich anderen Lesarten und oszillieren damit permanent zwischen dem Stadium der Abgeschlossenheit und dem des Werdens…

Auch das Angebot einer Möglichkeit der physischen und visuellen Begehbarkeit meiner Bilder – sei es, aufgrund ihrer Transparenz, von vorne-hinten-hindurch oder bei Objekten/Installationen um sie herum –, und ihrer Betrachtbarkeit aus unterschiedlichen Perspektiven, entspricht eher der chinesischen Auffassung von Landschaftsmalerei: Sie lädt den Betrachter dazu ein, sich ihr anzunähern, in ihr zu wandeln, zu verweilen oder sich forschend aufzumachen, um sie zu erkunden…

*glokal: global+lokal